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N-Zyklopädie

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Nintendo "Seal of Quality" - Auf Wii nicht mehr wichtig?

15.01.2007

Autor: Gunnar Schreiber

 

Auch wenn Produkte aus dem Hause Nintendo meistens noch sehr fehlerfrei veröffentlicht werden, fällt seit einigen Monaten doch eines frappierend auf: Viele Spiele, vor allem von Third-Party-Entwicklern, sind mal mehr und mal weniger verseucht mit Bugs. Für diejenigen, die jetzt meinen, ich schreibe eine zoologische Abhandlung über Käfer und deren Zusammenhang mit Nintendo, sei erklärt, dass es sich bei Bugs um Fehler in einer Software handelt.

 

Bugs sind dabei etwas völlig Normales während eines Entwicklungsprozesses, nur sollten wenigstens die schlimmen und offensichtlichen Vertreter dieser Spezies im fertigen Produkt nicht mehr zu finden sein - was aber dennoch der Fall ist, wie Abstürze in Siedler DS oder Far Cry Vengeance von Ubisoft zeigen. Deshalb ist es Zeit, ein wenig die Schuldfrage zu klären. In erster Linie ist es natürlich die Schuld der jeweiligen Firmen, da sie das Produkt, trotz offensichtlicher Mängel, auf den Markt gebracht haben. Aber auch in der Videospielbranche geht es hauptsächlich darum, gute Umsätze zu erzielen, die man am schnellsten durch eine Kostenreduktion erreichen kann. Je kürzer die Entwicklungszeit eines Spiels, desto geringer die Kosten und desto höher ist am Ende die Gewinnspanne.

 

Etwa ein bis zwei Monate vor dem geplanten Release ist das eigentliche Spiel so weit fertig. Fast das Einzige, was zu dieser Zeit noch gemacht wird, ist das so genannte Beta Testing. Das heißt, dass Tester die Software auf Fehler überprüfen, diese kategorisieren und dokumentieren und an die Programmierer weitergeben, die dann versuchen die Bugs zu entfernen. Gerade bei aufwendigen 3D-Spielen kostet eine komplette Fehlersuche sehr viel Zeit und Geld, da mehrere Tester wochenlang damit beschäftigt sind. Dies führt oft dazu, dass Publisher versuchen diese Phase möglichst zu verkürzen, vor allem wenn es darum geht, noch in umsatzstarken Zeitperioden wie zum Weihnachtsgeschäft vertreten zu sein.

 

Genau beim letzten Punkt kommt aber Nintendo ins Spiel, die eigentlich dafür sorgen müssen, dass solche bugverseuchten Produkte niemals die Regale der Händler erreichen. Um das zu erklären, bedarf es einer kurzen Exkursion in die Endphase der Spielentwicklung. Ist ein Publisher der Meinung, dass sein Titel marktreif ist, dann wird dieser zur so genannten Submission an die Konsolenhersteller geschickt. Die Submission ist dabei eine Prüfung, die garantieren soll, dass die Software den Qualitätsansprüchen entspricht. Das heißt, Sony, Microsoft und Nintendo müssen ein Spiel erst genehmigen, bevor es produziert werden darf. Zur Produktionsreife müssen die Entwickler eine Technical Requirements Checkliste (TCR) beachten. Ist einer der Pflichtpunkte im Spiel nicht TCR-konform, dann wird der Titel nicht zur Produktion freigegeben. In der TCR-Liste stehen solche Vorgaben, wie zum Beispiel Fehlermeldungen in einem Spiel zu lauten haben, wie lange Ladezeiten sein dürfen bevor ein animierter Ladebalken eingesetzt werden muss und so weiter. In der Checkliste steht aber auch, dass die fertige Software keine gröberen Bugs wie Abstürze enthalten darf. Wie kann es dann also sein, dass manche Spiele trotz solcher offensichtlichen Probleme veröffentlicht werden?

 

Ich bin selbst seit über sechs Jahren nebenberuflich als Tester von Videospielen tätig. Dabei habe ich schon unzählige Submissions mitgemacht, vornehmlich aber von kleineren Publishern, deren Produkte einen nicht so hohen Status genießen. In dieser Zeit musste ich feststellen, dass eigentlich alle Konsolenhersteller die zugesendete Software mehr als genau testen. Es kam regelmäßig vor, dass wir Spiele mehrmals zur Prüfung schicken mussten, bis endlich eine Produktionsreife erreicht war, da auch kleinste Fehler moniert wurden. Aber - wie gesagt - waren das immer Spiele von kleineren Publishern, mit einer nicht vorhandenen Lobby. Ich wage nun einfach mal die Unterstellung, dass Microsoft, Sony und auch Nintendo gerne mal ein, oder im Falle von Abstürzen, auch eher zwei Augen zudrücken, wenn Spiele zur Submission kommen, deren rechtzeitiges Erscheinen auch wichtig für die Performance der Hardware sind.

 

Zur Verdeutlichung: Auch in Red Steel gibt es Abstürze. Dadurch wird das Spiel zwar inhaltlich nicht schlechter und bleibt auch für Fans des Genres weiterhin empfehlenswert, dennoch ist es sehr ärgerlich, wenn man aufgrund eines Absturzes einen angefangenen Level wieder von vorne beginnen muss. Worauf ich aber aufmerksam machen möchte: Was wäre der Wii-Launch ohne Red Steel gewesen? Streng genommen hätte Red Steel nicht produziert werden dürfen, solange die Bugs enthalten sind. Wahrscheinlich hätte Ubisoft es aber nicht mehr geschafft, die Fehler rechtzeitig zum Verkaufsstart zu beheben, was dazu geführt hätte, dass ein wichtiger Stein im Wii-Launch Mosaik gefehlt hätte. Es ist also davon auszugehen, dass Nintendo in dem Fall ein Auge zugunsten einer rechtzeitigen Veröffentlichung zugedrückt hat.

Auch wenn jetzt manche sagen mögen, na und, lieber das Spiel am ersten Tag im heimischen Wohnzimmer als wegen eines Absturzes einen Monat länger zu warten, stellt es doch den ganzen Sinn einer Submission in Frage und untergräbt Symbole wie Nintendos Seal of Quality.

 

Allerdings scheint Nintendo dem Problem vorausschauend vorgebeugt zu haben. Während bis vor einigen Jahren im englischen Erklärungstext zur Seal of Quality explizit auch die Qualität der Spiele einbezogen wurde „This seal is your assurance that Nintendo has reviewed this product and that it has met standards for (…) entertainment value (...)“, ist der Text mittlerweile sehr schwammig formuliert: „Dieses Qualitätssiegel ist die Garantie dafür, dass sie Nintendo-Qualität gekauft haben. Achten sie deshalb immer auf dieses Siegel, wenn sie Spiele oder Zubehör kaufen, damit sie sicher sind, dass alles einwandfrei zu ihrem Nintendo-System passt.“ Die Frage ist jetzt nur, ob der Ausdruck „Nintendo-Qualität“ impliziert, dass alle Spiele fehlerfrei laufen müssen!?

 

Zur Verteidigung der Entwickler, Publisher und der Konsolenhersteller sei aber auch gesagt, dass es nicht möglich ist, komplett fehlerfreie Software zu erstellen. Als geübter Tester wird man sicherlich in jedem veröffentlichten Titel noch den einen oder anderen Bug entdecken. Wichtig ist aber, dass der Spieler auf dem normalen Wege auf keine Fehler stößt, die das Erlebnis schmälern. Dazu gibt es Submissions und bei Nintendo nach unserem Verständnis das Seal of Quality.

 

Lasst uns also hoffen, dass dieser eingeschlagene Weg nicht weiter fortgeschritten wird. Denn einer der großen Vorteile, die Konsolenspieler gegenüber den PC-Zockern immer hatten, war, dass die Submission dafür gesorgt hat, dass wir ohne lästige Patches und Fehlerorgien auskommen mussten. Doch neuere Entwicklungen wie Patches bei Xbox 360-Spielen sowie die zunehmend nachlässige Prüfung vor der Marktreife, sollten uns aufhorchen lassen. Deshalb bitte ich auch alle Leser, wendet euch bei Bugs per E-Mail oder Telefon an die jeweiligen Konsumentenberatungen der Publisher und lasst sie wissen, was ihr von Bugs haltet.

Außerdem würden wir uns freuen, wenn ihr von euch gefundene Fehler in unserem Forum beschreiben würdet, so dass andere gewarnt werden und wir drüber diskutieren können. Danke!


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