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Offener Brief an TV Redaktionen

13.03.2009

Autor: Timo Hellmund

 

 

Sehr geehrte Rundfunk Anstalten,

 

mein Name ist Timo Hellmund, ich bin 21 Jahre alt und, wie mindestens eine Million anderer Jugendlicher in Deutschland, leidenschaftlicher Videospieler. Es ist für uns Spieler immer wieder erschreckend, wie sämtliche Medien, sei es Bild, ZDF, ARD, n-tv, Pro7 etc. vollkommen voreingenommen und ohne jegliche Ahnung über die Videospiele berichten.

 

Wir als Spieler sind erbost, wie unser mittlerweile weltweit anerkanntes Hobby, Deutschland ist hier eine Ausnahme, erniedrigt wird. Es herrscht ein regelrechter Kreuzzug gegen Videospiele in den deutschen Medien. Wenn man den n-tv Newsticker am morgen des 12. März 2009 verfolgte, fiel auf, dass drei der fünf Einträge zum Amoklauf auf die Videospiele abzielten.

 

„Counterstrike auf PC gefunden.“ „Killerspiele auf PC gefunden.“ „Politiker fordern Verbot von Gewaltspielen.“

 

Bereits am Vorabend gab es Aussagen, wie „... die für Amokläufer typischen Videospiele...“ Dass viele PC Spieler Counterstrike und co. auf ihrer Festplatte haben, wird nicht erwähnt. Medienpopulismus kommt zum Vorschein.  

 

Dass Tim K. physisch krank war, sein Umfeld ihn nicht akzeptiert hat und er regelmäßig mit Soft-Air Waffen hantiert hat, wurde in der Berichterstattung anfangs teilweise nicht berücksichtigt. Dies war auch bei den vorangegangenen Amokläufen der Fall. Die Videospiele seien an allem Schuld. Dass dabei Spiele ins Schussfeld geraten, die ab 12 Jahren von der USK freigegeben sind, spielte für Medien und Politiker keine große Rolle.

 

Viele Fakten und Faktoren werden nicht beachtet, was uns Spieler erzürnt. Aber vielleicht ist das gerade Ihre Intention, die Spieler so reagieren zu lassen, um sich letztendlich im Recht sehen.

 

Fakten, wie z.B. dass 90% aller 16-18 jährigen heutzutage schon einmal mit Counterstrike und anderen Ego-Shootern in Kontakt gekommen ist. Sei es bei Freunden oder selbst gespielt. Fakten, wie z.B. dass Videospiele erst kürzlich als Kulturgut anerkannt wurden. Fakten, wie z.B. dass Hunderttausende andere Ego-Shooter Spieler in Deutschland keine potenziellen Amokläufer sind und zwischen Realität und Fiktion unterscheiden können, im Gegensatz zu psychisch kranken und vernachlässigten Personen, wie Tim K. oder Sebastian B.

 

Was uns Spielern auch regelmäßig auffällt, ist, dass Sie wahllos Spiele an den Pranger stellen, selbst wenn diese vollkommen harmlos sind. Nach dem Amoklauf in Tessin war plötzlich Final Fantasy das böse „Killerspiel“, ein japanisches Rollenspiel ohne jegliche exzessive Gewaltdarstellung und ab 12 Jahren freigegeben. Seit dem 11. März sind es auch noch World of Warcraft und Empire: Total War, obwohl letzteres ein Spiel über den Imperialismus darstellt. Die Spieleentwickler haben lediglich diese Zeit in einem Spiel aufgegriffen, um daraus ein komplexes Strategiespiel mit realistischem Szenario zu entwerfen.

 

Auch ist uns aufgefallen, dass in vielen Diskussionsrunden und Berichten, sei es Panorama, Frontal 21 oder auch Ihre Berichterstattung, nie ein Videospieler eingeladen wurde bzw. zu Wort gekommen ist. Warum machen Sie so etwas? Um Ihre falschen Anschuldigungen zu rechtfertigen oder damit diese nicht auffliegen vor dem breiten Publikum? Geht es wirklich nur um die daraus resultierende gute Quote?

 

Die Medien sind mit ihrer bewusst fehlinformierten und provokativen Berichterstattung nicht unschuldig. Was ist Full Metal Jacket, wenn ich Ihrer Logik folgen soll? Ein „Killerfilm“? Was ist dann der Irakkrieg? Der „Killerkrieg“? Was ist Ihre Berichterstattung darüber? Die „Killer-Berichterstattung“? Denken Sie darüber nach. Die reale Gewalt, die täglich in den Nachrichten zu sehen ist, übersteigt vieles, was in Gewaltspielen dargestellt wird.

 

Was habe ich mit dem Thema zu tun? Nun, ich bin 21 Jahre alt und spiele seit 14 Jahren Videospiele. Ich weiß, wie ein normaler Spieler denkt und wie er fühlt. Welche Spiele er spielt und wie er mit Gewaltdarstellung in Videospielen umgeht. Ja, auch ich habe bereits im jugendlichen Alter Gewaltspiele gespielt. Dennoch bin ich weder aggressiv geworden, noch hatte ich Mordgedanken jeglicher Art.

 

Wissen Sie, wenn Sie nur einen intensiven, erwachsenen Spieler befragen würden in Ihrem Programm, dann wären Sie auch glaubwürdiger für mindestens eine Million Menschen.

 

Nehmen wir die schlecht gelaufene Wahl der CSU in Bayern. Denken Sie wirklich, dass junge Menschen wie wir, diese Partei nach den mehrfachen Hetzkampagnen seitens Beckstein und Co. noch einmal gewählt hätten? Dies war sicher ein kleiner, jedoch nicht zu verachtender Faktor im Wählerverlust der CSU.

 

Und nehmen Sie doch bitte dieses Unwort „Killerspiele“ aus Ihrem Wortschatz, welches noch nicht einmal definiert wurde und mit dem sogar harmlose Spiele, wie Final Fantasy, Empire: Total War oder World of Warcraft in ein unnötig schlechtes Licht gerückt werden.

 

Ich mache Ihnen ein Angebot: Laden Sie mich oder einen anderen leidenschaftlichen Spieler zu einer Diskussion ein. Lassen Sie uns zu Wort kommen, jemand, der seit mehreren Jahren in verschiedenen Spielerforen aktiv ist und weiß, wie die Meute der „potenziellen Amokläufer“ wirklich ist. Die meisten Spieler finden übertrieben brutale Spiele, wie Manhunt oder Postal, ebenfalls großteils abstoßend. Zumal diese Spiele bereits auf dem Index stehen oder direkt indiziert werden und somit regulär nicht in die Hände Jugendlicher fallen.

 

Interviewen Sie Spieler wie mich, schauen Sie ihnen über die Schulter und lassen Sie sich bitte von uns erklären, wie die von Ihnen in den Dreck gezogenen Spiele funktionieren. Denn viele Ihrer „Killerspiele“ sind wie gesagt harmlos oder haben sogar eine positive soziale Komponente.

 

Counterstrike-Spieler müssen im Team spielen, um zu gewinnen. Es geht nicht um eine Ein-Mann-Metzel-Show, wie Sie es permanent darstellen. Die Aufgaben der Teams sind klar definiert. Es gibt zwei Spielmodi:

1. Anti-Terror Einheit muss Geiseln befreien.

2. Anti-Terror Einheit müssen eine von Terroristen gelegte Bombe entschärfen.

 

Es ist also nicht das Ziel, sich gegenseitig so brutal wie möglich zu erschießen.

 

Dieses Teamgefühl steigert das Selbstvertrauen, ich habe es selbst erlebt. Auch die Amokläufer, wie Tim K, könnten positiv und nicht negativ, wie Sie es immer darstellen, beeinflusst worden sein. Denn diese Onlinespiele können auch verbinden, können Freundschaften und Gemeinschaften entstehen lassen.

 

Ich wette, von dieser Seite haben Sie dieses Thema noch nie betrachtet. Habe ich Recht? Dies ist meine Meinung und mein Angebot an Sie bezüglich der erneut aufgeflammten Diskussion um gewalthaltige Videospiele.

 

Mit freundlichen Grüßen,

Timo Hellmund, leidenschaftlicher Gamer seit 14 Jahren.


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