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N-Zyklopädie

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Metroid: Other M - Die Person Samus Aran

10.08.2011

Autor: Lukas Strübig

 

 

Wenn es in den letzten paar Jahren ein Spiel gab, das mir wirklich Kopfschmerzen bereitet hat, dann war das ganz klar: Metroid Other M. Nicht wegen dem Spiel, nein, das Spiel war klasse. Vielmehr war es die öffentliche Kritik an dem neuesten Sprössling der Metroid Familie, die das Bedürfnis in mir weckte, meine Stirn gegen eine möglichst harte Wand zu schlagen. Dass über Ninendo-Spiele gemeckert wird ist mir klar, dass man immer versucht, an allem, was die japanische Traditionsfirma prodziert, etwas auszusetzen, ist weit bekannt, aber dieses Mal ging das übliche Gemeckere über einfaches Zicken hinaus und verunglimpflichte ein Kunstwerk in seiner Gänze. Und das ist etwas, was ich nicht ertragen kann.

 

Und um meine Aussage zu spezifizieren: Ich rede nicht von der Kritik am Gameplay oder der Story selbst, auch dies ist stellenweise übertrieben, was jedoch die größten Wellen schlug war nur eines: Der Charakter von Samus Aran.

 

Die Kritik überschlug sich, als die älteste Videospielheldin überhaupt angeblich als weinerliche, hilflose und depressive "Bitch" dargestellt wurde. Dass diese Kritik an ihrem Charakter völlig unangebracht ist, scheint das Internet zu übersehen.

 

 

Spiele als Kunstform

 

Und dabei widerspricht sich die Kritik an dem Spiel, bzw. der Darstellung Samus Arans, mit dem eigentlichen Akt des Kritisierens selbst. Wenn man die Kritik nämlich auf ein Minimum herunter bricht, so ist es die Kritik daran, dass Samus Aran den Vorstellungen der Metroid Fans nicht entspricht. Die einen sehen ihr geschildertes Verhalten als sexistisch an, die anderen meinen, sie würde zu viel an sich selbst zweifeln, während es viele einfach lieber hätten, Samus wäre für immer stumm geblieben, sodass sie sich weiterhin ihr eigenes Bild von ihr machen können.

 

Die Kritik geht so tief ins Detail, dass sie tatsächlich einer Analyse und Interpretation gleicht. Samus, als erste weibliche Spieleheldin der Industrie, wird als Zeichen aller starken und unabhängigen Frauen interpretiert, daher kommt der Vorwurf, die Autoren seien sexistisch, denn Samus als Darstellung aller Frauen, verhalte sich alles andere als stark und unabhängig. Und so sehr Metroid: Other M wie ein Kunstwerk behandelt wird, so wird dieses Spiel nicht als eines gesehen. Es wird als Kunstwerk behandelt, aber auch nicht. Dieses widersprüchliche Verhalten ist der Hauptgrund für diese Empörung, denn sieht man das Spiel als ein Kunstwerk, hätte man gar keinen Grund zur Empörung.

 

Ein Kunstwerk steht für sich selbst. Es ist absolut unabhängig vom Autor, von den Konsumenten und von den äußeren Einflüssen, die bei seiner Entstehung gewirkt haben. Dennoch braucht ein Kunstwerk Konsumenten, um wirklich zu existieren, denn eine Geschichte, die von niemandem gelesen wird, existiert nicht wirklich. Der Autor als Person und die äußeren Einflüsse geben Hinweise darauf, wie das Werk interpretiert werden kann. Dennoch ist es wichtig, dass der Konsument äußerst unvoreingenommen an das Werk heran geht, ohne eigene Vorstellungen oder Erwartungen daran zu haben.

 

Das war das Problem von Metroid: Other M. Die Menschen hatten Vorstellungen und Erwartungen von Samus Aran, und als diese in der Geschichte des Spiels nicht getroffen wurden, lag nicht der Konsument falsch, sondern das Werk.

 

 

Samus Aran als Mensch

 

Was brachte diese Menschen dazu zu glauben, Samus sei ein Abbild für Frauen generell? Es war die Erwartung, hier eine starke und unabhängige Frau vor sich zu haben und als Samus von dieser Schablone abwich, lag das laut dieser Konsumenten nicht daran, dass Samus doch nicht dieses Ebenbild des Feminismus war, sondern es war die Geschichte, die dieses Ebenbild verunglimpfte. Und hier kommt Samus' Person selbst ins Spiel, denn nüchtern betrachtet besteht die Möglichkeit, dass Sakamoto diesen Bruch mit den Vorstellungen der Fans beabsichtigt hat. Die ganze Zeit sah man diese Stille, sich in einem Panzeranzug verbergende Kopfgeldjägerin als einen knallharten Space Ranger, der keine Kompromisse eingeht, selbstsicher auf beiden Beinen steht und zu sehr damit beschäftigt ist, die Probleme Anderer zu lösen, um selbst welche zu haben.

 

Die ganze Zeit hat man Samus nur von Außen gesehen, bildlich gesprochen natürlich, als würden wir nur morgens in den Nachrichten von ihr hören, wie sie erneut die Galaxie gerettet hat. Wir kannten sie nie und daher wurde aus ihr ein Übermensch, der für Attribute wie Stärke und Zielstrebigkeit stand. Und viele Menschen, die sich selbst als Fans von Samus Aran sehen, wünschten, es wäre so geblieben. Wobei hier auch wieder ein Widerspruch besteht, der das "Fan Sein" mit dem Unwillen, mehr über sein Idol zu erfahren, gegeneinander stellt.

 

Viel weniger sind diese Menschen Fans von Samus, sondern mehr Fanboys/girls von Samus' Legende. Ihre langen Reden von stummen Helden, die dem Spieler Immersion und die eigene Darstellung eben dieser erlauben, ist ein reiner Euphemismus. Indem sie sagen, Samus hätte stumm und eine Interpretationsfläche bleiben sollen, sagen sie "Halt die Schnauze, Weib, und tritt weiter Aliens in den Arsch! Mir ist egal wer du bist, ich entscheide, wer du bist!" Sie wollen ihren Helden nicht kennen, sie wollen in diesem Helden etwas sehen, was ihren Bedürfnissen entspricht, ohne sich für den Menschen in diesem Helden zu interessieren. Kurz: Sie wollen, dass sich dieser Held für sie prostituiert.

 

Und genau wie die Prostituierte, die am Morgen danach weinend am Bett sitzt und dir ihre Liebe gesteht, kommt auch Metroid: Other M daher und zeigt diesen Fanboys etwas, was sie niemals sehen wollten. Aber legen wir diesen Vergleich beiseite.

 

In Metroid: Other M lernen wir Samus zum ersten Mal kennen. Wir treffen diese Legende, von der wir vorher nichts weiter gehört haben, als dass sie uns tausende Male das Leben gerettet hat. Und wir müssen sehen, dass sie gar nicht dieser Übermensch ist, dass der Mensch hinter der Legende nunmal ein Mensch ist. Und dann nicht einmal ein besonders angenehmer Mensch.

 

Mit Wut, Frustration oder Verneinung, wenige nur, die schon immer lieber an den Menschen als an die Legende geglaubt haben, mit Akzeptanz, reagieren die Fans auf Samus', von Traumata, Komplexen und Reue gebeutelten Charakter. Sie ist nicht mehr die Legende, sie wurde entzaubert, entstilisiert, und ist nichts weiter als Mensch.

 

 

Der Mensch Samus Aran

 

Ist Samus nun diese depressive "Bitch"? Vielleicht ja, ein wenig. Sie ist kein perfekter Mensch, wahrscheinlich sogar kein einfacher Mensch. Wahrscheinlich ist es nicht sehr leicht, mit ihr ein Gespräch zu führen oder mit ihr Spaß zu haben. Der nette und gutherzige Kern, der Antrieb, Gutes zu tun ist unverkennbar da, doch vielleicht wäre Samus als Schulkameradin dieses merkwürdige Mädchen, das oft allein und in sich gekehrt, so stark an jeder zwischenmenschlichen Beziehung fest hält, dass man sehr bald versuchen würde, sich von ihr zu distanzieren.

 

Ja, so ist Samus, und ich bin fern davon ab, sie als Person, die Entscheidungen, die sie getroffen hat und die Fehler, die sie gemacht hat, zu verteidigen. Vielleicht ist Samus Adam anderen gegenüber viel zu nachgiebig und lässt sich viel zu sehr herum kommandieren. Aber so ist sie nunmal. Vielleicht sollte uns die Szene, in der Samus ohne Hitzeschutzanzug ein Lavabecken betritt, weil Adam ihr dafür noch keine Autorisierung gegeben hat, wütend auf sie machen. Vielleicht wollte die Story von Metroid: Other M eben diesen Mythos brechen, die scheinheiligen Fans entlarven, Samus vor allen bloß stellen und dafür bei den wenigen, die Akzeptanz für sie aufbrignen, einen noch viel größeren Respekt für ihr Opfer hervor rufen.

 

Jessica Martin, die Stimme von Samus Aran, fasst dies in einem Interview ganz gut zusammen. Sie sieht die Stärke Samus' darin, dass sie sich nicht dafür entschuldigt, wer sie ist und dass sie trotzdem, trotz ihrer Zweifel versucht, das Richtige zu tun. Wäre Samus ein Übermensch, müsste sie sich für sich nicht entschuldigen. Jessica Martin zeigte hier ein äußerst gutes, und von den meisten nicht gewürdigtes, Verständnis von Samus' Charakter.

 

 

Samus im Wandel der Zeit

 

Metroid: Other M wirft aber auch ein zweites Thema auf. Nämlich, dass sich Menschen ändern. Viele beschweren sich über Widersprüche in Samus Verhalten. Warum hat Samus erst in Other M, nachdem sie ihn so viele Male schon besiegt hat, vor Ridley einen Stressanfall bekommen? Warum hört sie auf Adam, wo sie doch aufgrund der Hierarchie die Galaktische Föderation verlassen hat? Nun, alle diese Fragen werden beantwortet: Samus ist nicht mehr der Mensch, der sie zu ihrer Zeit in der Armee war, sie ist nicht mehr der Mensch, der sie zur Zeit von Metroid Prime war und sie ist schon gar nicht mehr der Mensch, der sie zur Zeit von Super Metroid war.

 

Sie hat sich verändert, hat Selbstvertrauen gewonnen und hat Selbstvertrauen wieder verloren, hat gute Erfahrungen gemacht und hat schlechte Erfahrungen gemacht, hat ihre früheren Entscheidungen in Frage gestellt und begonnen sie zu bereuen, hat aber auch gleichzeitig eine Lehre daraus gezogen und in ihrem Leben bessere Entscheidungen getroffen. Samus ist nich die Person, die wir von ihr erwartet haben, zu sein. Und das mag einige abschrecken und anderen mehr Respekt für sie aufbringen. Es polarisiert und das zeigt erst wie Menschlich sie in Other M ist.

 

Daher schließe ich mit einem Zitat von Jessica Martin, in dem sie Samus folgende Worte in den Mund legt: "Look, here I am, you can take it or leave it, and I'm gonna do, what I'm gonna do, regardless of what you say."


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