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Filmreview: Summer Wars

24.01.2012

Autor: Lukas Strübig

 

Summer Wars ist einer dieser Filme, die schon fast durch heftiges Winken des Schicksals ihren Weg zu mir gefunden haben. Denn nachdem Amazon über Jahre nicht aufhören konnte, mir diesen Film zu empfehlen, war es der zufällig eingeschaltete Film "Das Mädchen, das durch die Zeit sprang", der mich von dem Geschick des Regisseurs Mamoru Hosoda überzeugte und mich dazu brachte, Summer Wars zu kaufen. Ohne irgendetwas über den Film zu wissen, ohne mir vorher groß Kritiken durchgelesen zu haben, ohne vorher auch nur daran zu denken, ihn mir irgendwo herunter zu laden.

 

Und ich wurde für mein Vertrauen ins Schicksal belohnt: Summer Wars ist ein Film, der einen besonderen Platz in meiner DVD Sammlung einnimmt. Er ist nämlich mein neuer Lieblingsfilm.

 

 

Das Déjà vu

 

Dabei hatte mich Hosoda schon vor vielen, vielen Jahren von sich überzeugt, ohne, dass ich es wusste. Euch sagt der Name "Digimon" wohl etwas, nicht wahr? Nun, Hosoda war der Regisseur des, in Japan, zweiten Digimon Films namens "Childrens War Games", als eine Hommage an den amerikanischen Film "War Games". Bei uns erschien der Film einfach als Mittelteil des einzigen Digimon Filmes in Europa. Die Handlung dreht sich dabei um ein Virus Digimon, das im Internet ausgesetzt wird und aus reinem Antrieb heraus Daten frisst, computer hackt, und irgendwann vom Pentagon aus Atomraketen aussendet, um die Menschheit zu vernichten. Die Digiritter müssen ihre Digimon ins Internet laden um dies zu verhindern.

 

Nun, Summer Wars ist praktisch ein komplettes Remake dieser Geschichte. Selbst einige Szenen des Digimon Films wurden fast 1:1 nachgestellt. Dabei bemüht sich Summer Wars in einer Zeit des stark entmystifizierten Internets um etwas mehr Realismus, und trifft dabei genau ins Schwarze: Im Jahr 2056 hat das Social Network/MMO "Oz" die Monopolstellung im Internet gesichert. In Oz kann man nicht nur virtuelle Abenteuer mit seinen Freunden erleben, man kann über Oz seine Geschäfte abwickeln, seiner Arbeit nachgehen oder seine Ämter ausführen. Die Welt ist so stark mit Oz vernetzt, dass der Präsident der USA über sein Oz Profil Atomschläge befehlen könnte. Jedes Handy, jeder Computer, jedes Navi, selbst jeder verdammte Nintendo DS ist mit Oz verbunden. Problematisch wird die Situation allerdings in dem Moment, in dem ein Hacker Angriff auf Oz durchgeführt wird und die Welt dadurch die sehr realen Folgen zu spüren bekommt.

 

Doch bei Summer Wars geht es, im Gegensatz zum Digimon Film, eben nicht nur um die Welt des Internets, zurzeit der Oz-Krise befindet sich nämlich unser Protagonist Kenji in der Provinz Japans und muss dort der großen und alt-ehrwürdigen Familie seiner Mitschülerin Natsuki vorspielen, ihr Freund und Verlobter zu sein. Die Familie nimmt dabei einen sehr großen Teil der Handlung ein, jedes Mitglied hat seine eigene Geschichte, seine Persönlichkeit und seine eigenen Macken. Als Zuschauer fühlt man sich recht bald mit ihr verbunden und beginnt sie zu mögen. Das Recht naturbezogene Setting in einem sehr traditionsbewussten Teil Japans stellt einen starken Kontrast zu der überstilisierten und bunten Welt von Oz dar. Zwei Welten treffen aufeinander, die sich zu Anfang scheinbar nicht vereinbaren lassen.

 

Und so sehr Summer Wars auch vor den Folgen zu starker Vernetzung warnen will, wird das Bild des Internets, der Gamer oder so genannten "Digital Natives" nicht pervertiert. Anders als Filme wie "Gamer" stellt Summer Wars die Entwicklung der letzten paar Jahre nicht als den Anfang vom Ende dar, sondern eher als eine Verschiebung der alten Werte. Die Bedrohung hat sich aus der physischen Welt ein Stück weit zurück gezogen, die Versager von gestern sind die Helden von heute und das muss die alte Generation endlich einsehen.

 

Auf der anderen Seite stellt sich Summer Wars schützend vor Familienwerten und alte Traditionen. Die Welt mag sich verändert haben, der Mensch aber eben nicht und herzliches Beisammensein und körperlichen Nähe lassen sich durch die beste Vernetzung der Welt nicht ersetzen. Und auch wenn sich die Waffen der neuen Welt von denen der alten geradezu abstrus unterscheiden, so ist der Kampfgeist nach wie vor der alte geblieben. So kommt es vor, dass neben dem besten Spieler der Welt und einem der größten Mathegenies Japans, die gemeinsam mit ihrem PC versuchen, die Welt in ihrem neuen Kern, dem Internet, zu richten, eine alte Frau mit einer Menge an Erfahrung, Freunden und ihrem alten Kabeltelefon dafür sorgt, dass Hilfe geleistet wird, wo sie geleistet werden muss.

 

Summer Wars widmet sich somit einer alten, wichtigen aber nach wie vor offen stehenden Gleichung: Ist die Verschiebung der Welt auf das Internet der erste Schritt zur Entmenschlichung oder sind es die alten, morschen und überholten Werte, die dem Fortschritt des Menschen im Weg stehen?

 

Summer Wars beantwortet diese Frage mit einem entschiedenen Nein! Fortschritt und Tradition, beides sind gleichwertige Teile der Menschlichkeit, beides sind Dinge, die die Menschheit zu dem macht, was sie ist, und wenn aus einem dieser Teile Probleme erwachsen, so müssen beide zusammen halten, um dieses Problem zu lösen.

 

Summer Wars ist somit die erste optimistische Dystopie, die ich jemals gesehen habe. Eine Welt wie von Oz, auf die wir zurzeit scheinbar unaufhaltsam zutreiben, ist die Mausefalle, in die sich die Menschheit selbst einsperrt. Doch selbst das größte Problem kann durch den Zusammenhalt der Menschen, durch den Zusammenhalt der Familie und den Zusammenhalt der Dinge, die uns zum Menschen machen, aus der Welt geschafft werden. Und somit ist Summer Wars ein Film, den sich gerade in der heutigen Zeit niemand entgehen lassen sollte.


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