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 Betreff des Beitrags: Spiel Theorie: Was ist die Story eines Spiels?
BeitragVerfasst: 24. Juli 2014, 16:10 
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Nachdem mich dieses Video von dookieshed auf eine interessante Idee gebracht hat wollte ich mal eine kleine Diskussionsrunde in diesem Forum starten, und zwar darüber, welche Geschichten Spiele tatsächlich erzählen.

In dem Video an sich geht es um die Figur Rot aus Pokémon, welche man bekanntermaßen in Gold und Silber auf dem Silberberg treffen und bekämpfen kann. Rot ist die einzige Spielfigur die später erneut als NPC auftritt und wird als solche im Fandom zum ultimativen Pokémon Trainer hochstilisiert. Andere Leute halten jedoch dagegen, dass Gold, die Spielfigur aus Gold und Silber, besser ist weil man Rot in G/S immerhin besiegen kann.

dookieshed allerdings entgegnet dem, dass es nicht die Figur Gold ist, die Rot besiegt, sondern der Spieler. Weiterhin führt er Beispiele aus anderen Nebenquests oder aber das Sterben in spielen an um zu zeigen, dass dies nicht etwas ist, was der Hauptcharakter getan hat, sondern der Spieler.

Und das hat mich auf eine interessante Frage gebracht. Welche Geschichte erzählt ein Spiel eigentlich?

Egal wie sehr ein ein Spiel einschränkt, es lässt dem Spieler doch immer Entscheidungsmöglichkeiten. Selbst in Call of Duty kann man entscheiden ob man sich hinter dem Auto oder hinter dem Hügel verschanzt, und ob man zuerst den Gegner links oder den Gegner Rechts erschießt. Doch wie viel dieser Entscheidungen sind tatsächlich die des Spielers, und welche die des Charakters? Welches ist die
Zitat:
echte
Geschichte?

Man könnte nun sagen, dass es Fixpunkte in einer Geschichte sind, die immer passieren. Link zieht immer das Masterschwert aus dem Stein, Samus landet immer auf Tallon IV, im Prinzip alles was in Cutscenes passiert ist die echte Geschichte. Somit kann man auch erklären, wenn NPCs nicht auf das Verhalten des Spielers reagieren. Die Figuren in Half Life 2 reagieren nicht darauf, wenn der Spieler ihnen Dosen gegen den Kopf wirft, weil Gordon Freeman das nicht tut.
Nur gibt es da ein kleines Problem. Was, wenn sie es tun? Wer ist dann Gordon Freeman? In diesem Moment entscheidet der Spieler, ob Gordon ein höflicher Mensch ist, der sich an minimale Verhaltensregeln halten kann, oder ein zurückgebliebenes Arschloch. Und das hat große Auswirkungen auf die Story. Was ist nun die echte Half Life 2 Lore? Welche Geschichte wird in Half Life 3 erzählt?
In Spielen wie Zelda kann der Spieler so etwas nicht machen. Aber andere Fragen tun sich auf. Hatte der Held der Zeit das Biggoron Schwert? Hatte Samus den Flammenwerfer? Hatte Connor die Rüstung von Ezio?
Das sind alles nur kleine Story Details die Ignoriert werden können. Aber sie können in späteren Titeln großen Effekt haben.
Ein anderes Problem ist, wenn man zwar einen Hauptcharakter hat, der in Cutscenes nach eigenem Bestreben handelt, aber dann doch ein paar Entscheidungen an den Spieler abgibt. Am Ende von The Force unleashed kann man sich entscheiden, ob man den Imperator oder Darth Vader angreift, was starke Auswirkungen auf die Story hat, obwohl Starkiller bis dahin immer Entscheidungen ohne den Spieler getroffen hat.
Mass Effect umschifft diese Schwierigkeiten fürs Erste. In die späteren Teile kann man seine alten Spielstände importieren, andere Medien wie Bücher umschreiben die Handlungen der Spiele so wage, dass jede Entscheidung irgendwie passt. Doch auch das wird sich ändern. Wenn Mass Effect 4 wirklich nach 3 spielt, muss man der Story einen canon aufdrücken, da es am Ende so viele verschiedenen Szenarien gibt, dass man unmöglich seine Spielwelt so auslegen kann dass alle stimmen können. Nichtmal wenn man seinen alten Spielstand importiert. Je nachdem welches Ende man gewählt hat verändert das die komplette Welt von Mass Effect, und daher auch die Probleme und Konflikte in dieser Welt.

Komplizierter wird es nochmal wenn der Fall wie bei Pokémon eintritt. Wenn ein vorher nicht definierter, weil als Hülle des Spielers dienender Charakter auf einmal zu einer Figur in der Geschichte der Spielwelt wird. In Skyrim sieht man das ganz stark. Plötzlich liest man vom Helden von Kvatch aus Oblivion, oder jemand erzählt etwas vom Nerevarinen aus Morrowind. Die Geschichte von Skyrim dreht sich um das letzte Drachenblut, dabei erlauben alle drei Spiele diese Geschichten genau so zu ignorieren wie jedes andere Sidequest. Gerade Skyrim wird schwer zu folgen sein. Wer hat den Bürgerkrieg gewonnen? Wurde die Dunkle Bruderschaft vernichtet, oder konnte sie doch den Kaiser von Tamriel töten? Wenn man eine ganze Spielwelt zu dem Spielplatz einer Person macht ist es schwer die daraus entstehende Geschichte nachher in einen Kontext einzuordnen.


Daher, meine Theorie:
Jedes Spiel für sich erzählt seine eigene Geschichte, die völlig losgelöst vom Rest der Franchise ist und vom Spieler beeinflusst ist. Wenn man also in Skyrim das Buch "Die Oblivion Krise" liest, dann liest man nicht die Geschichte von The Elder Scrolls IV, sondern eine Geschichte, die sich in der Geschichte von Skyrim ereignet hat. Die Geschichte von Oblivion kann eine ganz andere sein. Das führt dazu, dass der Canon, der Elder Scrolls reihe eigentlich nur der Canon innerhalb Skyrim ist. Das was einem dort über die Ereignisse in früheren Spielen erzählt wird ist sind nicht die "wahren Ereignisse" von früheren spielen, sondern nur ein Teil der Hintergrundgeschichte dieses einen Spiels.


Hui, das war jetzt eine ganze Menge Text aber ich finde dieses Thema relativ spannend. Was haltet ihr davon?


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 Betreff des Beitrags: Re: Spiel Theorie: Was ist die Story eines Spiels?
BeitragVerfasst: 24. Juli 2014, 18:54 
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FUCK! Ich habe gerade einen extrem langen Post getippt und dann ist mein Browser abgestürzt... noch mal von vorne...

Für mich kommt es vor allem erstmal darauf an, ob ich mich selbst als Protagonisten sehe oder ob der Protagonist für mich eine eigenständige Figur ist. In Pokémon habe ich z.B. immer das Gefühl mein eigenes Abenteuer zu bestreiten, da ich mit meiner Fantasie meine eigene Geschichte um die des Spiels spinne. Es gibt aber auch Spiele in denen ist der Protagonist als Charakter so stark definiert, dass ich mehr das Gefühl habe, ich würde ihn beobachten, statt ihn wirklich zu kontrollieren. Das klingt zwar vielleicht im ersten Moment schwächer, ist letztlich aber nicht unbedingt weniger gut. Vor allem ist es für mich aber die Regel, so geht es mir in den aller meisten Spiele und dafür muss der Charakter nicht mal so stark ausgeprägt sein wie z.B. bei Metal Gear oder Uncharted. Ich sehe auch Link, Samus und sogar Mario als eigene Figur an und nehme sie nicht als "mich selbst" wahr. Die drei fallen mehr in eine Zwischenstufe, wo ich mir zumindest gewisse Fassetten ihres Charakters selbst ausmale bzw. aus dem Verlauf des Spieles suggeriere. Aber es sind eben stets Fassetten IHRES Charakters und es wird für mich immer IHRE Geschichte sein, nicht die meine, wie eben etwa in Pokémon.

Das macht denke ich einen gewaltigen Unterschied, denn wenn man eine Geschichte als die eigene ansieht, haben Kleinigkeiten eine völlig andere, größere Bedeutung, mehr Gewicht. Ich denke mehr über mein Handeln nach, spinne mir in meiner Fantasie Dinge zusammen... ergo ist es am Ende eben wirklich meine Geschichte, die vielleicht sogar in einem Großteil auch aus meiner eigenen Fantasie heraus gesponnen ist (so wie z.B. bei Pokémon) oder aber eben durch mein Handeln bei einer großen Entscheidungsfreiheit und entsprechenden Konsequenzen (so wie z.B. bei Mass Effect).

Zu einem gewissen Grad spielt beides natürlich auch bei Spielen eine Rolle in denen man nicht bewusst seine "eigene" Geschichte erlebt aber es ist wohl wesentlich weniger prägend und entscheidend.

Videospiele sind hier als interaktives Medium zwar in einer Sonderposition, wo das alles viel entscheidender und deutlicher ist aber letztlich gibt es auch bei Filmen / Büchern etc. immer Aspekte, die man der Fantasie des Zuschauers/Lesers überlässt. Wenn man bei diesen Medien viel mit Suggestion arbeitet, aus denen man je nach Blickwinkel unterschiedliche Schlüsse ziehen kann, muss man sich ja auch fragen: Was ist nachher denn nun die "richtige" Schlussfolgerung? Was ist wirklich passiert? Viele Autoren lassen diese Frage ganz bewusst unbeantwortet, denn hätten sie da eine eindeutige Antwort gewollt, hätten sie diese auch gegeben.

So sehe ich das letztlich auch bei Spielen. Es gibt eindeutige Sachverhalte, die im Spiel definitiv passieren, es gibt Dinge die sind der Fantasie überlassen und dann gibt es noch, im Gegensatz zu den anderen Medien den Entscheidungs-Faktor. Und auch hier ist es letztlich wohl dem Spieler überlassen, welche Entscheidungen er wirklich bewusst für die Handlung wahrnimmt und welche nicht, außer diese haben eben auch tatsächlich eine Konsequenz. Das sieht man ja alleine daran, dass wohl kaum jemand in Zelda Spielen bewusst für die Handlung mit nimmt, das Link die alte Trantüte erstmal Stundenlang Angeln geht, während Zelda um Hilfe schreit. Es gibt ja schon zig Comics etc. die verdeutlichen wie lächerlich das eigentlich ist und was für ein Arschloch Link sein müsste um so zu handeln. Der Punkt ist nur, obwohl wir mit Link angeln gehen, sehen es die wenigsten als "Story Punkt" an Nebenaktivitäten nehmen wir in der Regel doch als "Auszeit von der Handlung" war - und damit ist eben gemeint, dass das was da passiert keinerlei Auswirkungen hat und im Grunde nie wirklich passiert ist.

Das bringt dann noch einen weiteren Aspekt hinzu: Gibt es im Grunde nicht immer zwei Geschichten? Die eine ist die Geschichte des Spiels, also das was unserer Meinung nach tatsächlich in dieser Welt passiert ist. Die andere ist die Geschichte des Spielers, in der es wirklich nur um das geht was wir erlebt haben. Das kann Blödsinn sein, den wir im Spiel getrieben haben oder sogar so Dinge wie Bugs. Und gerade bei Bugs käme doch niemand auf die Idee das als "Canon" anzusehen. Und das bringt mich wohl zum entschiedenen Schluss: Wir sind in Spielen einfach in der Lage gewisse Dinge auszublenden und zu trennen. Wir nehmen Spiele einfach anders war als andere Medien und somit können sich Spiele Dinge erlauben, die kein Film oder Buch machen könnte. Würde der Held in einem Buch / Film wie Link stundenlang Angeln gehen, würden wir daraus direkt Schlüsse auf seinen Charakter ziehen und es müsste, weil es dann nun mal "definitiv passiert" auch irgendeinen Sinn oder Konsequenzen haben. Man kann sowas ja z.B. nutzen um zum Ausdruck zu bringen, dass sich der Held der Aufgabe nicht gewachsen sieht und so vor ihr fliehen möchte... In einem Spiel aber ist es aber eben letztlich der Spieler also wir selbst, der da Angeln geht. Für mich geht also nicht Link angeln und da ich es als Links Geschichte ansehe ist meine Entscheidung Angeln zu gehen für mich was die Story angeht unterm Strich nicht relevant. Es ist, für mich nie passiert, wenn du mich nach der Handlung fragen würdest. Wenn ich aber den Eindruck habe selbst der Held zu sein, übertrage ich vieler meiner Entscheidungen doch viel eher auf die Handlung. Die Handlung des Spiels und meine Erlebnisse vermischen sich. Natürlich ist das jetzt nicht so schwarz / weiß wie hier beschrieben. Es gibt auch in Spielen "mit mir als Helden" Entscheidungen und Erlebnisse (gerade Bugs xD), die für mich nicht Handlungs-Relevant sind, die ich bewusst oder unbewusst ausblende und umgekehrt gibt es in Spielen mit Charakter auch Entscheidungen und Erlebnisse die ich sehr wohl als Handlungs-Relevant ansehe.

Man kann unterm Strich also definitiv sagen, dass jeder Spieler immer zu einem gewissen Grad einen Einfluss auf die Handlung hat, selbst wenn das Spiel keine "richtige" Entscheidungsfreiheit bieten sollte. Wie gesagt, das gilt ja selbst für non-interaktive Medien. In der Regel sind diese Aspekte aber natürlich so irrelevant, das selbst Fortsetzungen kein Problem haben keiner dieser Geschichten zu widersprechen, da man sich darauf konzentriert die vorgegebenen Eckdaten weiter zu spinnen und zu erwähnen, die dann doch für jeden (oder die aller meisten) gleich sind. Also das Link am Ende Ganon besiegt ist ja zum Beispiel ein Aspekt der Handlung bei dem wohl kaum einer widersprechen würde. Außer man verliert den Endboss, macht das Spiel aus und nimmt das dann als Handlung wahr... hey, bei Ocarina of Time würde ja im Nachhinein sogar das Canon seinen.... :ugly:



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 Betreff des Beitrags: Re: Spiel Theorie: Was ist die Story eines Spiels?
BeitragVerfasst: 24. Juli 2014, 20:10 
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Das mit den zwei Geschichten ist eigentlich eine ganz gute Idee. Ich erinnere mich da an Twitch Plays Pokémon. Die Pokémon Spiele haben an sich eine sehr klare und lineare Story und das hat sich auch dort nicht geändert. Die Leute bei Twitch haben immer noch die selben Orte besucht, die selben NPC gesprochen und die haben immer noch das selbe gesagt wie im Original Spiel.
Doch einfach weil durch die Art, wie auf Twitch Pokémon gespielt wurde, so viele verrückte Dinge geschehen sind haben die Spieler die Story der Spiele irgendwann fast komplett ignoriert und stattdessen mit den Dingen Kontextualisiert, was im Gameplay passiert ist. Plötzlich entstand eine Geschichte um einen von Stimmen getriebenen Helden der um den Ruhm seines Gottes Kämpft. Selbst die Pokémon in seinem Team bekamen alle bestimmte Charakterzüge angedichtet.

Die Frage ist dann aber, wie klar man diese beiden Geschichten voneinander trennen kann. Im Falle von TPP gab es hier eine sehr klare Trennung, wegen der reinen Absurdität wie das Spiel gespielt wurde. Es kann einfach keine Immersion in einer Spielwelt und seiner Story stattfinden wenn tausend Leute gleichzeitig das selbe Spiel spielen.

Aber wenn man alleine Spielt ist diese Linie sehr viel undeutlicher. Es mag ja sein dass Link nicht wirklich das Biggoron Schwert besessen hatte, doch deshalb wollen wir trotzdem nicht, dass man in Zelda auch ein Laserschwert finden kann. Und so abstrus es auch sein mag, dass Link von seinen Weltenretterbestrebungen eine Pause nimmt, so wollen wir doch, dass zumindest der Angelteich sinnvoll in die Welt von Hyrule integriert ist.

Insofern kann man Die Geschichte des Spiels und die Geschichte des Spielers nicht immer strikt trennen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Spiel Theorie: Was ist die Story eines Spiels?
BeitragVerfasst: 24. Juli 2014, 21:49 
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Aber betreffen diese Fragen der Glaubhaftigkeit nicht viel eher die Spielwelt als die eigentliche Story?



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